Sonnenhof 2007

Ausstellungseröffnung durch Rolf-Bernd de Groot

AUGEN-BLICKE EINES FOTODESIGNERS

Am 6. Oktober 1856 berichtet der Obernkirchener Bürgermeister Heinrich Schott an die kurfürstliche Regierungscommission nach Rinteln "den Aufenthalt des Lichtbilder Malers Oettling aus Celle betreffend".
Schotte hat gegen dessen Aufenthalt in Obernkirchen nichts einzuwenden "unter der Veraussetzung das sich besagter Oettling genügend legitimiert".
Oettling hat damals im Ratskeller Quartier bezogen und seine "getreu nach der Natur" gestalteten Portraits angeboten. Wie viele der frühen Fotografen war er von Beruf eigentlich ein recht erfolgreicher Theatermaler und hatte sich dem neuen Medium des Ablichtens verschrieben; er verstand es, Menschen richtig "in Szene zu setzen".

Wir begrüßen heute Abend, 150 Jahre später, in unserer Mitte den Lichtbilder Maler Gisbert Gramberg aus Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Er hat als Legitimation eine Auswahl seiner Bilder mitgebracht, die wir alle nun gründlich prüfen müssen. Wir feiern auch ein klitzekleines Jubiläum, denn vor genau 20 Jahren hat Gramberg schon einmal im Sonnenhof ausgestellt.

In einer Zeit, wo jeder in der Lage ist, jederzeit ein Foto zu schießen, und sei es mit dem Mobiltelefon, wo eine nie gekannte Bilderflut uns regelrecht bedrängt, gibt uns Gisbert Gramberg die Chance, auch optisch für einige "Augen-Blicke" zur Ruhe zu kommen.
Augen-Blicke eines Fotodesigners hat er seine Ausstellung genannt.
Wenn man früher etwas besonders Schlaues, Gebildetes zur Eröffnung einer Ausstellung sagen wollte, hat man entweder ein lateinisches Zitat eingeworfen oder im "Großen Brockhaus" nachgeschlagen. Heute"googelt" man.
Gibt man das Stichwort "Augen-Blicke" der Suchmaschine zu fressen, dann taucht im Ranking an erster Stelle eine Firma für "Ganzheitliches Augentraining" auf. Eine wunderschöne Metapher.
Die Fotos von Gisbert Gramberg sind ganzheitliches Augentraining im positivsten Sinne. Er trainiert unsere Wahrnehmung und stellt sie gelegentlich sogar auf die Probe.
Vor allen Dingen entdeckt man alle Eigenschaften eines Lichtbildmalers in seinen Bildern, die den pixelbesessenen Fotoamateuren trotz hochauflösender Bilder und umfangreicher Nachbearbeitungsmöglichkeiten abhanden gekommen sind.
Gisbert Gramberg sind diese Eigenschaften in Fleisch und Blut übergegangen. Er hat sowohl die Geduld, auf den Augenblick des richtigen Zusammenspiels von LIcht und Schatten zu warten wie auch den spontanen Blick für überraschende Details und ungewöhnliche Perspektiven.

Ein imponierendes Fotografenleben hat ihn handwerklich und künstlerisch geprägt. Seine Arbeiten hier im Sonnenhof sind auch irgendwie die Summe seiner abwechslungsreichen Berufskarriere.
Dokumentation, Architekturfotos, Landschaftserlebnis, Katalogfotografie, Arbeit im Tourismusbereich, Industriefotografie, Produktwerbung, aber auch freie Tätigkeit, surrealistische Experimente und die Wissensvermittlung über den Lehrauftrag an der Fachhochschule: alles findet sich in der Auswahl seiner Fotos wieder.

Mein erster spontaner Eindruck geht in Richtung: ruhig, entspannt, bunt, lebensbejahend, ungewöhnlich. Keine Menschen, denen man sonst gerne ins Gesicht blickt. Dafür Landschaft, Licht, Natur, Details, warme Farben.

Besonders kritisch sieht man naturgemäß die Fotos aus der eigenen Umgebung, aus dem eigenen Tätigkeitsfeld, das man bestens zu kennen glaubt.
Wie er die sehr lebendige Skulptur von Jos Beurskens im Eingang des Kirchplatzes zwischen zwei beruhigende Dachflächen schiebt, das ist schon ein Hingucker.
Oder die Dramatik, die Emil Adamecs herzförmige "Rain Cloud" bekommt, wenn sie in einen tiefblauen Obernkirchener Himmel wächst, das muss man erst einmal sehen.
Auch wenn einige Bilder die Anmutung von Postkarten-Idylle zu vermitteln scheinen, macht der zweite Blick deutlich, dass sie durchkomponiert sind.
Das Serielle einer scheinbar einheitlichen Dachlandschaft entpuppt sich beim zweiten Betrachten als Nebeneinander von ausgeprägten Dachsolitären.
Es gibt sogar Bilder, mit denen er unsere Sehgewohnheiten auf eine harte Probe stellt. Die Spiegelung von Häuserfassaden in einem Glastisch lässt uns vermuten, dass nicht nur die Balkone am Haus, sondern das ganze Bild falsch herum hängt.
Mein lieber Gisbert Gramberg, da hast Du das Lichtbildermalen aber übertrieben. So etwas kann man mit einem Oberkirchener Handwerker, der immer akkurate Arbeit abliefern muss, nicht machen. Da wird schon mal vor Ausstellungsbeginn korrigierend eingegriffen und durch richtiges Umhängen die Ordnung wiederhergestellt.
Gramberg ist ein Meister des Zen-Blickes. Er gibt durch Einengung und Beschränkung den Blick auf Details frei, die sonst im großen Panorama verschwinden würden. Z. B. der Schattenwurf einer schmiedeeisernen Lampe auf dem Pflaster. Überhaupt zieht sich die Wahrnehmung von Licht als Thema durch die gesamte Ausstellung.

Genug der Worte. Lassen Sie die Bilder selber zu sich sprechen. Nehmen Sie sich Zeit für eine Erstbesichtigung. Die Bilder hängen bis zum 9. November und werden in den jetzt kommenden, kürzer und dunkler werdenden Tagen ein wenig zusätzliches Licht und Wärme ins Haus bringen. Nicht nur die Sonnenhöfer selber, sondern alle Besucher sind willkommen, sich heute und in den kommenden Wochen die Ausstellung anzusehen.
Sie können übrigens auch einzelne Bilder erwerben, falls Ihnen noch ein passendes Weihnachtsgeschenk fehlt. Gisbert Gramberg hat zudem Fotos zu einem visuellen Eindruck Obernkirchens montiert und eine kleine Plakatreihe daraus gemacht.

Nachdem er also die Legitimation in Form seiner Bilder abgeliefert hat, akzeptieren wir den Lichtbilder Maler Gramberg.

Obwohl wir auch in Obernkirchen seit dem Ende des 30jährigen Krieges guten Grund haben, allen Osnabrückern zu misstrauen: "Gott bewahr vor Pest und Dreck, vor Münster und vor Osnabrück", ist nunmehr gegen die Eröffnung seiner Ausstellung "Augen-Blicke eines Fotodesigners" nichts mehr einzuwenden.

Rolf-Bernd de Groot ist Historiker, Museumsleiter, Museumspädagoge, Stadtarchivar, Autor . . .