Museum Villa Stahmer 2007

Bilder einer Ausstellung

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Bilder einer Ausstellung
Bilder einer Ausstellung mit Fotografen

Ausstellungseröffnung durch Torsten Lange

DER VERSUCH, SICH EIN BILD ZU MACHEN

Warum macht ein Fotograf, der alles andere als am Ende seines künstlerischen Schaffens steht, eine Ausstellung über sein Gesamtwerk? Hätte er nicht durch die Darstellung bestimmter Themenschwerpunkte, die ihn und seine Arbeit zur Zeit bewegen, einen viel aktuelleren Bezug schaffen können?

Das sind Fragen, die sicherlich nicht nur ich mir gestellt habe, auf die man aber schon beim ersten Rundgang durch die hier ausgestellten Arbeiten eine eindeutige Antwort bekommt:

Weil ein Fotograf wie Gisbert Gramberg sich nicht auf bestimmte Themen und Techniken eingrenzen lässt.

Weil sein Werk, auch wenn man sehr wohl alte und neue Arbeiten auseinanderhalten kann, sich nicht in Epochen pressen lässt.

Und vor allem deshalb, weil man bei ihm besonders intensiv spürt, dass sein gesamtes Schaffen aus nun bald schon 40 Jahren fotografischer Tätigkeit - so facettenreich es auch ist - einer ganz bestimmten Linie immer treu geblieben ist:
Grambergs Arbeiten sind nie nur Dokumentation - sie regen immer auch zur Interpretation an. Seine Fotografien sind nicht dazu angetan, eindeutige Antworten zu geben. Sie stellen Fragen, die den Betrachter fordern - ja teilweise sogar herausfordern.

Dementsprechend ist auch der Ausstellungstitel "Der Versuch, sich ein Bild zu machen" auch keinesfalls als verzweifelter Versuch zu sehen, einem enorm vielseitigen Schaffenswerk irgendein Leitmotiv voranzustellen. Nein - er ist eine ganz bewusste und gezielte Aufforderung an den Betrachter, nicht einfach nur zu konsumieren, sondern sich auseinanderzusetzen mit dem, was man selbst auf und vor allem in den Fotografien sieht.
Das Gute daran: Seine Arbeiten bieten dazu jede Menge Spielraum. Denn Gramberg denkt nicht in Kategorien wie Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß - auch nicht dann - und vor allem nicht dann-, wenn er Schwarz-Weiß fotografiert. Seine Arbeiten sind vielschichtig - manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes:
Denn viele seiner surrealistischen Werke, die vor allem hier in diesem Raum zu sehen sind, entstanden nicht, wie man fast selbstverständlich annimmt, durch Computer-Bildbearbeitung, sondern in der so genannten Sandwich-Technik, in der zwei oder mehrere Dias übereinander montiert werden und dadurch ein neues Motiv entsteht.
Die Kunst dabei ist es, die unterschiedlichen Betrachtungsebenen so geschickt miteinander zu verknüpfen, dass dadurch nicht nur ein beliebiges Bild-Composing entsteht, sondern dass der Betrachter in eine neu geschaffene Welt entführt wird, die er sich selbst erobern muss. Diese Kunst beherrscht Gisbert Gramberg - und Montagen wie seine Puppenmotive belegen, dass auch seine älteren Werke heute noch immer bewegen und brandaktuell sind.

Setzt man die Fähigkeit, dem Betrachter einen breiten Interpretationsspielraum zu geben, bei surrealistischen Fotowerken fast schon voraus, überrascht Gramberg auch in seinen anderen Arbeiten mit dem korrespondierenden Spiel unterschiedlicher Ebenen - nur, dass sie hier nicht aus einzelnen, zusammenmontierten Dias bestehen, sondern aus dem Dialog des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren.
Nur so wird aus der Aufsicht auf unzählige kleine Altstadtdächer ein lebendiges Stück Südeuropa, in dessen mediterranen Flair man am liebsten sofort eintauchen möchte. Oder aus einer Reihe einsamer Sonnenschirme am Strand ein Ort, an dem man das Meer rauschen hört und man spürt, wie einem eine leichte sommerliche Brise um die Nase weht.

Auch die ausgestellte Auswahl an Auftragsarbeiten zeigt, dass selbst unspektakulärste, technische Produkte häufig genug eine zweite, optisch faszinierende Seite haben. Man muss sie nur erkennen - und festhalten können. So wie Gisbert Gramberg.

Und erst seine Menschenbilder... Ob Freude, Wehmut, Mitgefühl oder Ausgelassenheit: Stimmungen und tiefe Gefühle sind bei Gramberg keine leeren Worthülsen. Er macht sie durch die Menschen, die er ablichtet, erlebbar - für die Menschen, die seine Fotografien betrachten. Und denen eröffnen sich dabei nicht selten völlig neue Perspektiven - wie zum Beispiel die auf Altbundeskanzler Willy Brand, die sicherlich tiefere und ehrlichere Einblicke zulassen, als die meisten Frontalportraits.

Solche und ähnliche Beispiele ließen sich noch viele finden. Doch ich möchte an dieser Stelle schließen - in der sicheren Zuversicht, Sie motiviert und animiert zu haben, zu Ihrem ganz persönlichen Versuch, sich ein Bild zu machen.

Damit wünsche ich Gisbert Gramberg eine erfolgreiche Ausstellung und Ihnen allen einen anregenden Besuch derselben.

Torsten Lange ist Inhaber der advercon-Werbeagentur